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Über unser neues Schiff auf den Schulhof

und was ein Buch von unserem Namensgeber damit zu tun hat

Nun, Kinder, ich wil euch heute eine recht wunderbare Geschichte erzälen. Die Hare werden euch dabei zu Berge stehen, und dan wird euch das Herz wieder im Leibe lachen. (aus dem Buch Robinson der Jüngere von J. H. Campe)

(PIP) In über 122 Auflagen im Jahr 1923 und seitdem unzähligen weiteren seit dem Ersterscheinen im Jahr 1779/80, übersetzt in zwanzig europäische Sprachen, herausgegeben bis heute – faszinierend an diesem Buch war seine Zielgruppe: Kinder und Jugendliche! Dieser allererste Jugendroman in zwei Bänden sprach Generationen von Kindern und Jugendlichen bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein an. Auch heute wird dieser Bildungsroman der Aufklärung noch aufgelegt. Der Autor: Joachim Heinrich Campe, Bildungsreformer, Sprachentwickler, Buchverlag - Gründer und Bestseller-Autor aus Deensen.

In der Historischen Bibliothek des Campe-Gymnasiums gibt es in der Sammlung von Campes Schriften gleich mehrere Ausgaben des Robinson – in Deutsch, Französisch, Spanisch und eine sogar in Latein von 1785, vermutlich damals für einen modernen fremdsprachlichen Unterricht gedacht.

Wie kam es zur Neu-Interpretation von Defoes Robinson?

Bis zu dieser Zeit der Aufklärung gab es keine Literatur extra für Kinder und Jugendliche. Daher war es unerhört neu und aufregend, ein Jugendbuch in den Händen zu halten – in Handwerkerhaushalten, bürgerlichen Kreisen, in Städten und auf dem Land, ja selbst in Adelsfamilien und Herrscherhäusern in den deutschen Ländern und Europas wurde daher das Buch mit Begeisterung aufgenommen. Gestützt auf das reformpädagogische Werk des Philosophen Jean Jacques Rousseau, „Émile oder Über die Erziehung“ von 1762, übernahm Campe sowohl dessen erlebnispädagogischen Ansatz als auch die Mischung aus Abhandlung und exemplarischem Bildungsgang in Romanform. Dem autoritären Geist in deutschen Familien und Schulen, in denen Prügelstrafen für die Kinder und stupides Auswendiglernen an der Tagesordnung waren, setzte Campe so ein völlig neues Bildungsideal der aktiven Erlebnispädagogik und des entdeckenden Lernens entgegen. Es ging um Erfahrungen in der Natur und darum, mit handlungsorientierten Anleitungen durch eigenes Tun die eigene Persönlichkeit, Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenzen zu entwickeln.

Worum geht es in Campes Robinson?

Campe schrieb die abenteuerliche Robinson-Geschichte des Engländers Daniel Defoe von 1719 zu einem Unterhaltungs- und Erziehungsroman für Kinder und Jugendliche um: Der Erzählstil bindet die Leser oder zuhörenden Kinder fast interaktiv in das Geschehen ein. Spannend ist die Kombination aus einer Rahmenhandlung und dem eigentlichen Abenteuerroman: An 31 Abenden erzählt ein Hausvater Kindern und Jugendlichen die Robinson-Geschichte. Die zuhörenden Kinder unterbrechen, stellen Fragen, diskutieren über das Verhalten der Personen in den Geschichten und suchen nach Lösungsmöglichkeiten für aufgetretene Probleme. So ganz nebenbei gibt es im Buch interessante Hintergrund-Informationen zu Navigation, Naturkunde und Geografie, Völkerkunde und Geschichte, außerdem lernt man etwas über handwerkliche Techniken und kreative Improvisationen. Das Buch hat einen autobiografischen Hintergrund, denn der beschriebene Hausvater war Campe selbst: Er, seine Frau Dorothea und seine Tochter Lotte lebten 1777-1782 im Gartenhaus einer reichen Hamburger Kaufmannsfamilie. Campe betreute dort, neben seiner Arbeit als Publizist erziehungswissenschaftlicher Schriften, als Hauslehrer deren Söhne und andere Sprösslinge in seiner kleinen Reformschule. Bis zu 13 Kinder, darunter auch seine kleine Tochter Lotte, saßen zudem an Sommerabenden am Deich unter einem Apfelbaum und lauschten Campes Erzählungen über Robinson – so wie er es kurze Zeit später in seinem Buch niederschrieb. In dieser Zeit, die er als sehr glücklich beschrieb, hatte er intensive Kontakte zu Gelehrten wie Friedrich Gottlieb Klopstock, Matthias Claudius, Gotthold Ephraim Lessing.

Die Kinder und Jugendlichen sollten emotional mit Robinsons Problemen konfrontiert werden, daher ist Robinson in seinem Buch auch kein erwachsener Mann wie bei Defoe, sondern ein verwöhnter, recht fauler und gelangweilter 16-jähriger Junge aus einem gutbürgerlichen Haus in Hamburg. So verschwindet er eines Abends aus Abenteuerlust und schließt sich dem Sohn eines Schiffers an, um mit ihm eine Schiffsreise nach London zu unternehmen. Das Schiff kentert allerdings in der Themse, das Unternehmen scheitert, nach Haus kann er nicht, und so geht er auf das Angebot eines Kapitäns ein, mit ihm nach Amerika zu segeln. Das Schiff kentert in der Karibik in einem schweren Sturm, Robinson strandet auf einer öden Insel, gerettet, aber einsam. Er ernährt sich von dem, was die Natur ihm bietet, stellt einfache Werkzeuge her und erlernt einige Handwerke, macht sich einen Kalender, hält sich Haustiere, baut eine Hütte, backt Brot, töpfert, legt einen Garten an. Eines Tages findet er Fußspuren und bekommt Angst vor Kannibalen, die es wirklich gibt. Als einem der Opfer der Menschenfresser die Flucht gelingt, wird dieser von Robinson aufgenommen. Dadurch entsteht die Freundschaft, nach der sich Robinson in seiner Einsamkeit immer gesehnt hatte. Den jungen Mann nennt er fortan Freitag, zusammen entwickeln sie viele Lösungen für alle möglichen Probleme. Mit einem neu gebauten Boot erkunden sie die Küste ihrer Insel und finden ein altes Schiffswrack, von dem sie viele für sie wertvolle Gegenstände mitnehmen. Nach noch vielen weiteren Abenteuern können sie von einem vorbeifahrenden Schiff mitgenommen werden, und kommen schließlich in Hamburg an…

Was ist die Erkenntnis?

Das Buch thematisiert gründlich die unüberlegte Trennung des Jugendlichen von seinen Eltern, seine Todesangst beim Schiffbruch und die Sorge um sein Überleben auf der Insel. Die Dialoge im Buch lenken die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf vernünftige Lösungen im Einklang mit christlichen Werten und der göttlichen Natur, auf bürgerliche Tugenden wie Fleiß und Ausdauer, Solidarität, Nachsicht, Demut, Nächstenliebe, ja auch schon "Völkerverständigung". Die dem Vater zuhörenden Kinder im Buch sollen aktiv auf die aufgeworfenen Fragen reagieren, zum Beispiel, indem sie Gebete für die Rettung Robinsons formulieren oder ihm ermunternde Briefe schreiben. Gleichzeitig entstehen dabei auch Gedanken der Leser über ihr eigenes Leben und den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen der Natur. Mit diesem Konzept wollte Campe übrigens auch Lehrern in den seiner Meinung nach verstaubten Schulen methodische und didaktische Ratschläge mit auf den Weg geben, denn eine qualifizierte Lehrerausbildung gab es zu dieser Zeit auch noch nicht (Ausbildungsseminare für Lehrer hat Campe übrigens auch „erfunden“ und entwickelt, seine sogenannten „Pflanzschulen“). Campe forderte einen „Dialog mit den Schülern" statt "Frontalunterricht", die Lehrinhalte und -methoden sollten den Interessen der Kinder angepasst werden, das Lernen problem- und lösungsorientiert ausgerichtet sein. Er selbst hatte in seiner Kindheit sehr unter den strengen Regeln in der Schule gelitten, das Trauma verfolgte ihn sein ganzes Leben. Denn zu seiner Zeit sah Schule so aus: Sitzen in übervollen Klassen (üblich waren Lerngruppen von 80 und mehr Kindern in verschiedenen Altersstufen…), konfrontiert mit Lehrern, die ehemals Unteroffiziere oder Kirchendiener waren, stumpfes Auswendiglernen, keine Schulbücher (außer der Bibel und dem Gesangbuch), keine Lehrpläne. So kam Campe in einer Abhandlung über die Beförderung der Wirtschaft 1786 zu dem Schluss:

Unsere Volksschulen sind [...] Schulen der Faulheit, der Stupidität und der Unbrauchbarkeit fürs Leben.

J. H. Campe im Jahr 1786.

Er schrieb viele Abhandlungen über das Unterrichten und die Lehrerausbildung, gründete die kleine, elitäre Reformschule in Hamburg und schuf mit herzoglicher Unterstützung in Braunschweig den ersten Schulbuchverlag in den deutschen Ländern - hier arbeitete er eng mit dem späteren preußischen Staatskanzler und Reformer Karl August von Hardenberg zusammen. Mit ihm engagierte sich Campe zudem in einer Reformkommission zur Modernisierung des Schulwesens. Der für Campe typische belehrende Stil in seinem Robinson und anderen erzieherischen Schriften passt zwar nicht mehr in die heutige Zeit. Die vermittelten Werte und die angewandten Lernmethoden jedoch sind aktueller denn je!

Aus diesem Grund hat sich das Campe-Gymnasium Holzminden 2026, zum 280. Geburtstag seines Namensgebers, ein Schiffs-Wrack auf dem Schulhof zum Geschenk gemacht. So kann man, zusammen mit der Campe-Stele vor dem Gebäude, jeden Tag ein bisschen an den Campe-Spirit erinnert werden: Seine Werte wie Solidarität im Miteinander, Respekt vor der Natur, der Nutzen erkenntnis- und erlebnispädagogischer Ansätze in der Bildung mit Zeit zum entdeckenden Lernen, Entwickeln von INTERESSE an den Dingen in der Welt im wahrsten Wortsinn und Anleitungen zum eigenen Handeln sollten Leitideen jeder Schule sein, ganz nach unserem Schul-Motto nach Campe: Erkennen, begreifen, gestalten!

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Veröffentlicht von KOE, 12.06.2026.

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